
Haselnussallergie ist nicht gleich Haselnussallergie: Es gibt zwei verschiedene Mechanismen mit unterschiedlichem Schweregrad. Interessant ist, dass es von **der Region, in der Sie leben**, abhängt, welcher überwiegt.
**Primäre Haselnussallergie.** Das Immunsystem reagiert direkt auf Haselnussproteine. Es können Reaktionen an Verdauung, Atemwegen oder Herz-Kreislauf-System, Bronchospasmen und sogar Anaphylaxie auftreten.
**Orales Allergiesyndrom (OAS).** Es hängt mit einer Pollenallergie zusammen. Da Haselnussproteine Pollenproteinen ähneln, verwechselt das Immunsystem sie. Die Beschwerden bleiben meist auf den Mund beschränkt: Juckreiz, Kribbeln, Schwellungen an Lippen und Hals.
In der Haselnuss sind mehrere allergene Proteine bekannt:
**Cor a 1**, aus der PR-10-Gruppe, 17 kDa schwer. Das Hauptallergen. Führt meist zu leichten Beschwerden, also zum OAS. **Hitzeempfindlich**: Kochen oder Rösten zerstört seine Struktur.
**Cor a 8, Cor a 9, Cor a 11, Cor a 14**: Speicherproteine und hitzestabile Allergene. Sie werden mit der primären Haselnussallergie und schwereren Reaktionen in Verbindung gebracht.
Diese Unterscheidung ist praktisch wichtig: Wer auf Cor a 1 sensibilisiert ist, reagiert auf rohe Haselnüsse, verträgt geröstete aber oft problemlos. Bei einer Sensibilisierung auf Cor a 9 oder Cor a 14 schützt Erhitzen dagegen nicht.
In Nordeuropa ist die Birkenpollenallergie sehr verbreitet. Das Hauptallergen der Birkenpollen ist **Bet v 1**.
Zwischen Cor a 1 und Bet v 1 wird eine **Kreuzreaktivität von über 97%** beschrieben. Die Sequenzähnlichkeit liegt bei etwa 67%.
Die Folge: Wer auf Birkenpollen allergisch ist, spürt beim Essen von Haselnüssen womöglich Juckreiz im Mund. In den Niederlanden waren von 161 haselnusssensibilisierten Patienten **86% auf Cor a 1** und **87% auf Bet v 1** sensibilisiert. Die Korrelation ist sehr stark (Spearman-Koeffizient 0,98).
In einer österreichischen Studie mit 35 Birkenpollenallergikern lag die Kreuzsensibilisierung bei **71%**.
Jetzt wird es besonders spannend. Die Häufigkeit der Cor a 1-Sensibilisierung sinkt mit der regionalen Belastung durch Bet v 1 und ähnliche Pollen.
In einer Studie wurde **in der Türkei nur bei 4 von 55 haselnusssensibilisierten Patienten (7,3%)** IgE gegen Cor a 1 nachgewiesen.
Zum Vergleich: In den Niederlanden liegt dieser Anteil bei 86%.
Der Grund ist geografisch. Birken sind in Nordeuropa weit verbreitet, in den meisten Regionen der Türkei jedoch nicht. Wo man keinen Birkenpollen ausgesetzt ist, entsteht auch keine damit verbundene Kreuzsensibilisierung.
Praktisch bedeutet das: Haselnussallergien in der Türkei zeigen nicht wie in Europa überwiegend ein leichtes OAS, sondern können anders verteilt sein. Ein Unterschied, der bei Diagnose und Bewertung zu beachten ist.
Die weltweite Häufigkeit bestätigter Baumnussallergien liegt zwischen **0% und 1,6%**.
Die Haselnuss ist **die häufigste Baumnussallergie in Europa**. Laut einer systematischen Übersichtsarbeit entfallen 17% bis 100% aller Baumnussallergien in Europa auf Haselnüsse (mit großen regionalen Unterschieden).
In einer Studie mit 731 Patienten aus 12 europäischen Zentren verteilte sich der Schweregrad so: **leicht 47,9%, mittel 36%, schwer 15,9%.** Eine Anaphylaxie trat bei 3% der Patienten auf.
Treten nach dem Verzehr von Haselnüssen oder Haselnussprodukten folgende Beschwerden auf, sollte man sie abklären lassen: Juckreiz und Kribbeln im Mund, Schwellungen an Lippen, Zunge oder Hals, Hautrötung oder Nesselsucht, Übelkeit und Erbrechen, Atemnot oder pfeifende Atmung, Schwindel.
Atemnot, Schluckbeschwerden oder ein Gefühl drohender Ohnmacht sind ein Notfall: Rufen Sie sofort den Notruf (in der Türkei 112).
Der Allergologe erhebt die Krankengeschichte und veranlasst eventuell einen Prick-Hauttest oder einen spezifischen IgE-Bluttest. Die molekulare Diagnostik (welches Protein die Sensibilisierung auslöst) hilft bei der Risikoeinschätzung.
Selbsttests oder Ausprobieren sind gefährlich. Besonders nach schweren Reaktionen in der Vergangenheit sollte man zu Hause nichts testen.
Haselnüsse gehören zu den Allergenen, die auf Etiketten angegeben werden müssen. Sie sind meist fett gedruckt oder in einer eigenen Zeile aufgeführt.
Hinweise wie "Kann Spuren von Haselnüssen enthalten" oder "In einem Betrieb hergestellt, der Haselnüsse verarbeitet" deuten auf ein Kreuzkontaminationsrisiko hin. Wer schwer allergisch ist, sollte diese Produkte meiden.
Schokolade, Desserts, Eis, Granola und manche Soßen können unerwartet Haselnüsse enthalten.
Dieser Beitrag dient nur der Information. Bei Verdacht auf eine Allergie wenden Sie sich unbedingt an einen Facharzt für Allergologie und Immunologie. Diagnose und Behandlung sind Sache des Arztes.
ThermoFisher Phadia Allergen Encyclopedia, Monografien "f17 Hazelnut" und "f428 Cor a 1".
Biedermann T. et al., "Birch pollen allergy in Europe", Allergy, 2019.
"Patterns of Clinical Reactivity in a Danish Cohort of Tree Nut Allergic Children, Adolescents, and Young Adults", Frontiers in Allergy, 2022.
Bewertung des Schweregrads von Haselnussallergien mit 731 Patienten aus 12 europäischen Zentren.
Studie zur Prävalenz von Cor a 1 IgE bei haselnusssensibilisierten Patienten in der Türkei.

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