
Es gilt allgemein, dass die Haselnuss vom Schwarzen Meer stammt. Aber gibt es dafür archäologische Belege? Eine Ausgrabung in Kayseri lieferte die Antwort von unerwarteter Seite.
Kültepe-Kaniş Karum in Kayseri ist eine Siedlung, die 6.000 Jahre zurückreicht und die ältesten Schrifttafeln Anatoliens beherbergt. Sie war das Zentrum des Handelsnetzes, das assyrische Kaufleute um 1950 v. Chr. aufbauten.
Bei diesen Ausgrabungen wurden unter den archäobotanischen Proben **verkohlte Haselnussschalen** gefunden.
Der entscheidende Punkt: **Die Haselnuss wächst in der Region Kayseri nicht natürlich.** Sie ist ein natürlicher Bestandteil der Laubwälder in der türkischen Schwarzmeerregion.
Die in Kültepe gefundenen Schalen kamen also nicht von selbst dorthin. Sie müssen gebracht worden sein.
Die Schalen fanden sich sowohl in der Ober- als auch in der Unterstadt, und zwar nur in der mittelbronzezeitlichen Schicht Karum II. Diese Schicht stammt aus der Blütezeit des assyrischen Handelsnetzes, als Kaniş dessen Verwaltungszentrum war.
Die Deutung der Forschenden: Die Haselnuss wurde sehr wahrscheinlich als **Luxusgut** in kleinem Umfang über das assyrische Handelsnetz eingeführt.
Ein Detail erhöht den Wert des Fundes: Die Annahme, dass in Kaniş mit Haselnüssen gehandelt wurde, beruhte bisher auf der **Analyse von Keilschrifttafeln**.
Die archäobotanische Entdeckung lieferte dieser historischen Annahme eine unabhängige Bestätigung. Schriftliche Quellen und materielle Überreste sagen also dasselbe.
Die Autoren weisen zudem darauf hin: Obwohl die Türkei den Weltmarkt für Haselnüsse dominiert, gibt es überraschend wenige archäologische Belege für ihre Nutzung in Anatolien.
Der zweite Teil der Geschichte ist jünger. Doç. Dr. Kahraman Gürcan von der Erciyes Üniversitesi führte an den 4.000 Jahre alten Haselnussschalen aus Kültepe eine **zehnjährige DNA-Studie** durch.
Vor dieser Studie hielt man diese Haselnüsse für **europäischen Ursprungs**.
Gürcan untersuchte auch die Haselnusssträucher in Kayseri und zeichnete nach zehn Jahren Forschung ein anderes Bild der Herkunft.
Ein gutes Beispiel dafür, wie das Zusammenspiel von Archäobotanik und Genetik festgefügte Annahmen verändern kann.
Der Name der Haselnuss ist direkt mit dem Schwarzen Meer verbunden. Das Wort "pontisch" leitet sich von **"Pontus Euxinus"** ab, dem antiken Namen des Schwarzen Meeres.
Der römische Naturforscher **Plinius** (23-79 n. Chr.) nannte die Haselnuss in seiner *Naturgeschichte* "Pontische Nuss" und "Avellinea", da sie von den Küsten des Pontos kam.
Der heutige lateinische Artname *Corylus avellana* geht auf die italienische Stadt Avella zurück; die Haselnuss gelangte aus Nordanatolien zunächst nach Griechenland, von dort nach Italien und wurde rund um Avella verbreitet angebaut.
**Herodot** (490-425 v. Chr.) schrieb in seinen *Historien*, dass östlich des Schwarzen Meeres Haselnüsse angebaut wurden. Er beschrieb auch, wie man Haselnussöl gewann: Die Kerne wurden in einen Sack gefüllt und gepresst.
Diese Methode ähnelt erstaunlich der Technik, mit der auf dem Land bis heute Öl aus Oliven und Haselnüssen gewonnen wird.
**Theophrastos** (372-287 v. Chr.), Schüler des Aristoteles, erwähnte die Haselnuss in seinen botanischen Werken. Er schrieb, die "pontische Haselnuss" lasse sich aus der Wildform verpflanzen und kultivieren, und unterschied zwei Hauptsorten: **rund und länglich-spitz**.
Diese Unterscheidung gilt bis heute: die Sorten Tombul (rund) und Sivri (spitz).
Ausgrabungen zeigen, dass die Haselnuss **um 10.000 v. Chr. Teil der mesolithischen Ernährung** war. Das ist die Zeit der Sammler vor dem Ackerbau.
Chinesische Quellen berichten, dass die Haselnuss 2838 v. Chr. angebaut und als "eine der fünf heiligen Früchte, die Gott den Menschen schenkte" betrachtet wurde.
Die Verbreitung der Haselnusskultur unter den Türken wird in drei Epochen betrachtet.
**Zentralasiatische Epoche:** Die Haselnuss hieß "kosık" oder "kosuk".
**Epoche der Westtürken:** Man verwendete das Wort "çetlevük".
**Anatolische Epoche:** Unter arabischem Einfluss setzte sich "bunduk" durch, woraus mit der Zeit "fındık" wurde.
Auf Persisch "fonduk", auf Arabisch "bunduk", auf Griechisch "leptokarion", auf Deutsch "Haselnuss", auf Französisch "noisette", auf Spanisch "avellana".
Geografische Herkunftsangaben schützen die Verbindung eines Produkts zu einem bestimmten Ort. Die Eintragung der Giresun Tombul Haselnuss 2001 in der Türkei und 2022 in der Europäischen Union ist die offizielle Anerkennung dieser Verbindung.
Die Schalen aus Kültepe zeigen, dass diese Verbindung schon vor 4.000 Jahren bestand: Die Haselnuss ist ein Produkt, das vom Schwarzen Meer ins Innere Anatoliens und von dort in die Welt gelangte.
Hinter dem Glas in Ihrer Hand steht nicht nur eine Erntesaison, sondern eine jahrtausendealte Handelsroute.
Fairbairn A., Wright N.J. et al., "Archaeobotanical evidence for trade in hazelnut (Corylus sp.) at Middle Bronze Age Kültepe (c. 1950-1830 B.C.), Kayseri Province, Turkey", Vegetation History and Archaeobotany, Springer.
Gürcan K., Erciyes-Universität, DNA-Analyse der Haselnussschalen aus Kültepe (zehnjährige Studie), nach Arkeonews.
Herodot, *Historien*; Theophrast, botanische Schriften; Plinius, *Naturgeschichte*.
Außenministerium der Republik Türkei, Direktion für EU-Angelegenheiten, EU-Registrierung der Giresun Tombul-Haselnuss, 2022.

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